Erst Hassobjekt, dann instandbesetzt

Posted by Florian on Mai 19, 2016
Stadtentwicklung, Stadtviertel

Kreuzberg

In gut sanierten Altbauten aus der Zeit der Lenné’schen Stadterweiterungen um 1870 gibt es zahlreiche kleine Geschäfte, Bars und Restaurants. Die Kreuzberger Mischung, deren Begriff neben dem Nebeneinander von Wohn- und Arbeitsstätte auch die hier etablierte Multikultur beschreibt, ist längst Aushängeschild eines neuen Szenebezirks rund um den „Kotti“ und „Görli“ geworden.

Vor knapp vierzig Jahren war Kreuzberg geprägt von zahlreichen Hausbesetzungen. Die hier lebenden Menschen wehrten sich gegen die geplanten großflächigen Häuserabrisse ganzer Straßenzüge. Der Begriff Sanierung stand zu dieser Zeit euphemistisch für Abriss und Neubau. Abriss der verhassten steinernen Mietskaserne und Neubau von architektonisch homogenen und klar strukturierten Wohnghettos wie das Neue Kreuzberger Zentrum – von den Bewohnern kurz NKZ genannt.

Die Besetzungen und gewalttätigen Ausschreitungen zwischen den Besetzern und der Polizei steigerten sich ins Unermessliche. So weit, dass sich die Politik gezwungen sah, die gesamte bis dato vorherrschende Städtebaupolitik über den Haufen zu werfen. Denn sie erkannte zum ersten Mal, dass man alte Häuser auch sanieren kann, was zuvor noch unvorstellbar gewesen war. Und viel wichtiger: Dass die dort lebenden Menschen in den Sanierungsplänen berücksichtigt werden müssen, um das bestehende soziale Gefüge auch nach der Sanierung zu erhalten.

Somit war hier einer der ersten Formen der Bürgerbeteiligung entstanden. Der öffentlichkeitswirksame Rahmen „Internationale Bauausstellung 1987“ etablierte die neue Sanierungspolitik der behutsamen Stadterneuerung schlussendlich zum Vorreiter zukünftiger Stadtentwicklungsinstrumentarien europaweit.

In den Straßen ist heute von alledem kaum noch was zu sehen. Was geblieben ist, ist der Kiez. So wie vor gut 100 Jahren, als er in dieser Form stadtweit noch allgegenwärtig war.

Wie die Kreuzberger Häuser zur Zeit der behutsamen Sanierung aussahen, lässt sich in dieser sehr anschaulichen Dokumentation sehen:

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