Der Fels in der Brandung

…aus der Reihe Luftschlösser der autogerechten Stadt

Es bietet sich ein eigenartiges Bild, wenn man an der Ampel in der Geradeaus-Spur steht und sich mitten auf der Straße vor einem ein gestandenes Wohnhaus in den Weg stellt. Diese Kuriosität in der Berliner Hohenstaufenstraße ist ein plastisches Beispiel dafür, wenn verkehrsplanerische Idealvorstellungen gepaart mit politischen Machtverhältnissen am Widerstand ortsansässiger Bewohner scheitern.

Hohenstaufenstraße

Wir schreiben das Ende der 1970er Jahre in Westberlin. Der Senat hat mit der Verabschiedung des Flächennutzungsplans in der Dekade zuvor die Grundlage geschaffen für die gegliederte und aufgelockerte Stadt im Sinne der Charta von Athen. Die Kernidee ist, die Stadt nach ihren Funktionen Wohnen, Arbeit und Erholung schrittweise zu entmischen und die dadurch bedingten großen Raumdistanzen durch leistungsfähige und zeitsparende Verkehrsachsen miteinander zu verknüpfen. Leistungsfähig heißt vor allem technisch auf die Fahreigenschaften des Automobils optimiert und möglichst kreuzungsfrei trassiert, um Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern zu reduzieren. Oft zu Gunsten des Automobils bei gleichzeitiger Belastung aller anderen Verkehrsteilnehmer. Nunmehr nimmt also das Ideal der autogerechten Stadt an vielen Orten seine Formen an.

So sollte auch der Straßenzug Hohenzollerndamm, Hohenstaufenstraße und Pallasstraße zu einer Hauptverkehrsstraße aufgewertet und verbreitert werden. Das Verfahren lief so ab: Planungsrechtlich durch festgesetzte Bebauungspläne legitimiert, kaufte die Stadt die potentiellen Straßengrundstücke auf. Anschließend wurden die Bewohner umgesiedelt, deren Häuserzeilen abgeklopft und die Straßenräume verbreitert. So ritzten sich die Bagger wie ein Messer durch das Stadtgefüge durch. Bis sie am Wohnhaus mit der Nummer 22 ankamen. Continue reading…

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Erst Hassobjekt, dann instandbesetzt

Posted by Florian on Mai 19, 2016
Stadtentwicklung, Stadtviertel / Kommentare deaktiviert für Erst Hassobjekt, dann instandbesetzt

Kreuzberg

In gut sanierten Altbauten aus der Zeit der Lenné’schen Stadterweiterungen um 1870 gibt es zahlreiche kleine Geschäfte, Bars und Restaurants. Die Kreuzberger Mischung, deren Begriff neben dem Nebeneinander von Wohn- und Arbeitsstätte auch die hier etablierte Multikultur beschreibt, ist längst Aushängeschild eines neuen Szenebezirks rund um den „Kotti“ und „Görli“ geworden. Continue reading…

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Abgebrochene Planung

Posted by Florian on Mai 11, 2016
Luftschlösser der autogerechten Stadt, Verkehr / Kommentare deaktiviert für Abgebrochene Planung

bruecke_tempelhofer-kreuz_2009

…aus der Reihe Luftschlösser der autogerechten Stadt

Brücken erzählen Geschichte, Verkehrsgeschichte.

Diese Brücke sollte mal, war ein wenig und wurde doch nie ganz. Kümmerlicher Rest eines großzügig geplanten Autobahn-Ringtangentensystems kreuz und quer durch die Stadt. Hier nimmt der Betonstraßenwahn ein Ende. Das Tempelhofer Kreuz sollte es werden. Für den Verkehr aber nur zwei von ungefähr zehn Richtungsbrücken tatsächlich fertiggestellt. Von Süd nach West und umgekehrt.

Doch nahezu jede einzelne Brücke baulich berücksichtigt in Form von ungenutzten Verkehrspodesten oder nur halb belasteten Stützpfeilern. Heute existiert nur noch eine durchgängig befahrbare und ursprüngliche Brücke, neuzeitlich Overfly genannt. Von West nach Süd, mehr nicht. Die andere wurde inzwischen abgebrochen, da sie den Erfordernissen einer menschengerechten Stadt nicht gerecht wurde.

Nun geht es doch Richtung Osten weiter. Für den Tunnel Ortskern Britz musste man allerdings den Kurvenradius der Süd-West-Kurve so stark verkleinern, dass man den neuen Weg nicht mehr über den alten Brückenansatzpunkt laufen lassen konnte. Er beginnt nun an dem Punkt, von dem es nach der ursprünglichen Planung nach Norden Richtung Innenstadt weiter gehen sollte. Halbquer über das Gelände des einstigen Flughafens Tempelhof.

An der Gottlieb-Dunkel-Straße gab es ebenfalls eine Brücke. Fertiggestellt und um die sechs Fahrspuren breit. Gesehen hat sie Autos nur von unten, von der Gottlieb-Dunkel-Straße. Heute ist sie ebenfalls nicht mehr. Platz gemacht und ersetzt für den Tunnel. Ein Autobahntunnel. Die Weiterführung des Stadtrings Richtung Osten. Hoffnung für die Vollendung des Kreuzes? Nein, denn die nächsten beiden Brücken, die an der Reihe gewesen wären, kamen nicht. Nicht notwendig.

Mittlerweile gibt es die Autobahn Richtung Süden nicht mehr. Nicht mehr als eigenständige Autobahn. Nur noch verlängerte Anschlussstelle zur Gradestraße. Geschichte ist die abgebildete Brückenruine seit 2012.

Das Kreuz? Kein Kreuz mehr, nie gewesen. Und wird es auch nie werden.

Gebaut. Nie fertiggestellt. Vollendetes wieder abgebrochen. Vergessen.

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Skelett im Bikini

Posted by Florian on Mai 10, 2016
Architektur, Denkmalschutz, Nachkriegsmoderne / No Comments

In der Nachkriegszeit herrschte der unbändige Drang nach Wiederaufbau der zerstörten Großstädte. Damit einher ging das Gefühl der Hoffnung auf steigendem Wohlstand. In dieser Zeit entstand gegenüber der teilzerstörten Gedächtniskirche das Bikini-Haus, welches aus heutiger Sicht die typischen Merkmale der „Fifties“ trug: Kompakte Gebäudekubatur, dennoch luftige Fassadengestaltung mit klarer Ornamentik. Die Liebe zum Glas war im Kommen und man erfreute sich an goldmetallenen Zierleisten an Fenster und Türen.

Knapp sechzig Jahre später erstrahlt das Gebäude äußerlich wieder im alten Glanz und versprüht ein wenig den früheren Wiederaufbauenthusiasmus.

Bikinihaus_1

Zeigt sich das Bikini-Haus äußerlich im Gewand der 1950er Jahre, so überrascht der Blick ins Innere. Unter den Bikini geschaut, quasi ins Innere des Körpers, offenbart sich ein grün getünchtes Skelett nebst Organen in nacktem Beton. Eine Mischung aus dekonstruktivistisch-verwinkelter Tragwerke und aufgemöbelter Industriehalle soll die Ungewöhnlichkeit des Gebäudes vermitteln.

Bikinihaus_2

Es ist ein Gebäude des Designs und der Mode. Klamottengeschäfte aneinandergereiht an Designerläden, die eher wie Ausstellungen von Gegenwartskunst wirken. Dennoch erlebt das Gebäude derzeit einen bemerkenswerten Zuspruch von den Besuchern. Gleichwohl sich die wenigsten tatsächlich in die Läden begeben.

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Epos der Befreiung

Posted by Florian on Mai 10, 2016
Denkmalschutz / No Comments

Fast episch gestaltet sich das Sowjetische Ehrenmal in Berlin Treptow. 1949 auf dem Terrain einer früheren hippodromartigen Sport- und Spielwiese erbaut, gelang dem Schöpferkollektiv um Belopolski eine bemerkenswerte Inszenierung der Befreiung Berlins durch die Sowjettruppen.

SowjEhrenmal_1

Der Besucher wird durch geschickte Bespielung der Stätte mit Elementen der Gartenbaukunst wahrlich geleitet. Zu Beginn gelangt man auf eine lang gezogene und breit ausgeführte Rampe, die den Blick wie bei einem Teleobjektiv auf die in weiter Ferne befindliche Skulptur lenkt. Die Sicht wird dabei noch künstlich durch zwei stilisierte Fahnen eingeengt, die Rampe ist flankiert von in Reihe gepflanzter Trauerweiden. Am Ende der Rampe eröffnet sich dem Betrachter schließlich folgendes Bild:

SowjEhrenmal_2

Hat man die Rampe erklommen, eröffnet sich die Monumentalität und Weite des Mahnmals. Von ausgedehnten Marmorflächen und quadratisch angeordneten Gräberinszenierungen flankiert, wird die Statur nun Bestandteil eines Gesamtwerkes. Sie stellt einen Soldaten dar, der auf dem Arm ein Kind haltend ein Hakenkreuz zertritt. Links und rechts der Fläche befinden sich Marmorsarkophage, die Zitate von Josef Stalin tragen. Wie ein Buch liegt dem Betrachter eine Granitplatte zu Füßen mit der Aufschrift „Die Heimat wird ihre Helden nicht vergessen“. Eingerahmt wird die Gesamtanlage durch in Reihe angeordneter haushoher Pappeln, die die Umgebung bewusst ausblenden sollen und so den Blick auf das Innere konzentrieren. Die Pappeln stammen noch von der alten Sportwiese ab, die in das Mahnmal integriert wurden.
Gewiss mag das Ehrenmal vordergründig den Sieg der Sowjets über Berlin würdigen, was auf beeindruckende Weise gelungen ist. Verkannt werden dabei jedoch die Greueltaten an Zivilisten und getöteter Unschuldiger durch den Vormarsch der Roten Armee. Dennoch stellt das Ehrenmal, welches das größte seiner Art ist, ein wichtiges Zeitzeugnis in der Geschichte Berlins und Deutschlands dar.

Beide Fotos sind mit Absicht dramatisiert um die Monumentalität besser zu vermitteln.

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